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Kirchengeschichte

Zahlen, Daten, Fakten

Wissenswertes zur Lutherkirche

Die Lutherkirche vom alten Pfarrhaus aus fotografiert

Vorgeschichte

Um 1900 entstand im Kirchenvorstand der Gemeinde St. Johannis die Idee, eine zweite Predigtstelle zu errichten, denn die Einwohnerzahl der Stadt war durch Eisenbahnknotenpunkt, Industrieansiedlung und eine Garnison mit Offizier-Reitschule stark angewachsen.

Als Ende 1906 die St.-Johannis-Kirche niederbrannte, nahm der Kirchenvorstand dies zum Anlass, sie verkleinert wieder aufzubauen (1907/08) und gleichzeitig eine zweite Kirche zu planen.

Baugeschichte

Am 20.7.1910 legte Superintendent Robert Stalmann den Grundstein auf der Anhöhe namens „Heises Barg“, einem ehemaligen Zigeunerlagerplatz am östlichen Stadtrand. Schon am 3. Advent 1911 konnte die Lutherkirche eingeweiht werden. Das Pfarrhaus entstand 1912 – 1913.

Beides entwarf der Architekt Eduard Wendebourg (geb. 1857) aus Hannover. Er war ein Schüler von Conrad Wilhelm Hase (1818 – 1902), der in Norddeutschland und besonders im Raum Hannover zahlreiche Kirchen, aber auch Verwaltungsgebäude, Wassertürme, Telegrafenhäuschen, Industrie- und Wohnanlagen und vieles mehr geplant hat. Wendebourg hat den historisierenden (neugotischen) Stil seines Lehrers Hase weiter entwickelt, teilweise aufgelöst und durch eigene, neue, v.a. Jugendstilelemente bereichert. Die Soltauer Lutherkirche ist seine letzte große Kirche. Nach dem 1. Weltkrieg bis kurz vor seinem Tod (1940) war Wendebourg bei der landeskirchlichen Baubehörde in Hannover tätig.

Die Umgebung der Lutherkirche war damals noch nicht bebaut, so dass die erhöhte Lage deutlich auffiel – vielleicht hat dies den Architekten zu seiner theologischen Konzeption inspiriert: Jerusalem, die Stadt auf dem Berge, der Ort der Passion und Auferstehung Jesu, aber gleichzeitig das „himmlische Jerusalem“, Symbol der Vollendung und des ewigen Friedens. Von der Celler Straße aus kann man zurzeit am ehesten einen Eindruck von dieser „Stadt auf dem Berge“ gewinnen.

Zahlen, Daten, Fakten

In weiten Teilen der Gemeinde wurde der Bau einer zweiten Kirche als schiere Geldverschwendung scharf verurteilt, so dass der Kirchenvorstand sich bereit erklärte, auf einen Turm zu verzichten. Doch Soltauer Fabrikanten spendeten in kurzer Zeit 36.000 Mark (bei 200.000 Mark Gesamtkosten). Der Turm ist kein Anbau – sein Platz an der Nordwestecke statt mitten über der Westfassade ist eine der Eigenarten, mit denen Wendebourg sich von dem streng historisierenden Baustil seiner Zeit entfernt.

Der Turm ist 58 m hoch und seit 1961 wetterfest mit Kupfer gedeckt. Die bronzenen Glocken wurden in beiden Weltkriegen beschlagnahmt, eingeschmolzen und zur Herstellung von Waffen missbraucht. Zurzeit besteht das Geläut aus drei Stahlglocken von 1951.

Die Kirche hat nach dem Entfernen einiger Bänke jetzt ca. 750 Sitz-plätze. Konfirmandenunterricht und andere Gemeindearbeit fanden ursprünglich im Pfarrhaus statt, ab 1961 im Bugenhagenhaus (Parallelstraße jenseits der Lüneburger Straße), zusätzlich ab 1982 im Melanchthonhaus (1 km östlich). Aus finanziellen Gründen, verbunden mit dem Wunsch nach Gemeinderäumen nahe bei der Kirche, verkaufte der Kirchenvorstand beide Häuser und beauftragte das Architekturbüro Krampitz (Soltau) mit einem Neubau im ehemaligen Pfarrgarten. Dank gemeinsamer Anstrengung der ausführenden Firmen und vieler ehrenamtlicher Helfer konnte das Gemeindehaus an der Lutherkirche nach einjähriger Bauzeit zum „Kirchengeburtstag“ am 3. Advent 2007 eingeweiht werden.

Seit 1964 ist die Lutherkirchengemeinde selbständig. Eine enge Zusammenarbeit mit der Gemeinde St. Johannis erfolgt in Form eines gemeinsamen Büros (seit 2000) und gemeinsamer Kirchenmusik (seit 2002). Die drei Soltauer Gemeinden Luther, St. Johannis und Zum Heiligen Geist (Wolterdingen) bemühen sich derzeit um neue Strukturen mit dem Ziel, Pastorenstellen und andere Ressourcen gemeinsam zu nutzen und gleichzeitig die Vielfalt evangelischen Gemeindelebens in Soltau zu erhalten und zu fördern.

Renovierung und Restaurierung

Chi Roh - in der Mitte des Altarkreuzes

Der Kirchenraum

Der Grundriss erinnert auf den ersten Blick an die gotische Kathedralenform mit Längs- und Querschiff, Vierung und Apsis. Der Innenraum dagegen wirkt eher quadratisch bis achteckig, jedenfalls nicht lang gestreckt: Der evangelische Gottesdienst verträgt keine Distanz zwischen „Priester“ und „Laien“. Trotzdem ist der Raum eindeutig zum Altarraum und zur Kanzel hin ausgerichtet.

Es ist erstaunlich, wie sehr die bunten Holzstützen und Balken ringsum eher konzentrieren als ablenken, obwohl sie immer wieder dazu einladen, den Blick schweifen zu lassen und sich an den vielen Kleinigkeiten zu erfreuen.

Renovierung und Restaurierung

Schon fünf Jahre nach der Einweihung, im Jahre 1916, spendete ein Gemeindemitglied für das große Altarkreuz eine geschnitzte Jesusfigur. Im Zusammenhang mit der jüngsten Restaurierung bekam diese 2009 einen neuen Platz auf der Südempore. Damit richtet sich der Blick jetzt wieder auf das Kreuz mit dem Christusmonogramm in der Mitte und auf das Osterfenster dahinter: Im Mittelpunkt unseres Glaubens steht der auferstandene Christus, der – durch sein Leben, Leiden und Sterben im Einklang mit Gott – den Tod endgültig und für uns alle überwunden hat.

Gleichzeitig bleibt die Figur des Gekreuzigten, die vielen Gemeinde-gliedern wichtig geworden ist, ebenfalls im Kirchenraum sichtbar.

Die Jugendstilornamente der Messingleuchter (hergestellt in der Hegemannschen Gelbgießerei) müssen für damalige Kleinstadt-verhältnisse ebenso aufregend gewesen sein wie die Farbenpracht der Holzstützen. Für die Restaurierung der inzwischen stark angelaufenen Leuchter werden zzt. Spenden eingeworben, damit sie hoffentlich zum 100. Jubiläum 2011 wieder im alten Glanz erstrahlen und das Licht im Raum aufwerten.

Ursprünglich waren die Wände nicht verputzt, sondern der in verschiedenen Rotbraun-Tönen gebrannte Backstein war bemalt. Auch durch das Gewölbe, v.a. entlang der Rippen, zogen sich bunte Ornamente. Eine Innenrenovierung 1958 im damals üblichen schlichten (bzw. eintönigen) Stil hat leider alle Wände, aber auch Kanzel, Altar, Emporenbrüstungen und Holzstützen komplett weiß und grau übertüncht, so dass keinerlei Farbe oder Holzmaserung mehr zu sehen war. Einen letzten Eindruck davon vermitteln die beiden Ecken der Emporenbrüstung vor der Orgel.

1977 baute die Hamburger Orgelbaufirma v. Beckerath eine neue, klangschöne Orgel mit 17 Registern auf zwei Manualen und Pedal in einen günstig erworbenen historischen Orgelprospekt (Eschede, 1855). Dieser war allerdings für die ursprüngliche Orgelnische zu groß, so dass die Nische zugemauert wurde (daher der „unpassende“ Backsteinbogen) und die Orgel jetzt weiter vorne auf der Empore steht.

Das farbenfrohe Orgelgehäuse gab um 1980 den Anlass zu einem phantasievollen Neuanstrich von Kanzel und Altar, ebenfalls in grün und rot.

In den Folgejahren wurden die Backsteineinfassungen um die Fenster und die Türen wieder freigelegt und die Emporenbrüstungen nach und nach von der grauen Farbe befreit. Gleichzeitig gingen die ersten Spenden für die Restaurierung von Kanzel, Altar und Holzstützen ein. Diese Arbeiten führte zwischen 2005 und 2008 die Fa. Wellmer aus Himbergen durch.

In Zeiten sinkender Kirchensteuereinnahmen ist es nicht mehr denkbar, Restaurierungsmaßnahmen aus Haushaltsmitteln oder mit Hilfe der Landeskirche zu finanzieren. Die fünfstelligen Euro-Beträge zur fachmännischen Wiederherstellung all dessen, was diese Kirche als Kunstwerk und als Ort der Anbetung so wertvoll macht, stammen ausschließlich aus Spenden von Gemeindegliedern und Gästen. Dazu trug sicher wesentlich eine einzelne, in den 1980er Jahren probeweise restaurierte Holzstütze bei – der einsame bunte „Indianerpfahl“ mitten im Grau.

Evangelische Symbolik

Der Architekt Eduard Wendebourg (1857 – 1940) legte stets Wert auf die enge konzeptionelle Abstimmung mit allen beteiligten Künstlern. Mit dem Holzschnitzer Wilhelm Sagebiel (1855-1940) aus Braun-schweig und der Buntglaswerkstatt Henning und Anders in Hannover hat er öfters erfolgreich zusammengearbeitet.

Die Auswahl der Symbole folgt teilweise einer damals im lutherischen Kirchenbau gängigen Ikonografie, teilweise einer eigenen theologischen Konzeption. Auf diese Weise ist eine Kirche entstanden, die ähnlich bildhaft wie die mittelalterlichen Kirchen mit ihrem Figurenreichtum, aber doch viel konzentrierter, die Quintessenz evangelischer Frömmigkeit ausdrückt:

Das Evangelium von Advent und Ostern.

Advent und Ostern

Palme die sich an allen Seiten der Bänke befindet

ein Gang durch die Lutherkirche

Von der Birkenstraße her gehen wir „hinauf gen Jerusalem“, wie Jesus es im Markusevangelium ankündigt. Durch das Portal betreten wir die „Stadt“, und entlang der „Straße“ mitten durch die Kirche sehen wir zu beiden Seiten die Palmzweige, mit denen das Volk Jesus zuwinkt und ihn als König feiert.

Diese Erzählung gehört zum Palmsonntag als Beginn der Karwoche, aber auch zum Advent: Jesus Christus kommt in die Welt, zu den Menschen, in unser Leben.

Auf den Palmsonntag folgt der Gründonnerstag, das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Im Altarbild springen Brot und Wein ins Auge, und wir erkennen die kreuzförmige Anordnung von Jesus hinter der Tischplatte mit dem Tischtuch, das überhängt wie das Antependium am Altar. Die Gründonnerstags-Geschichte wird im Bild vergegenwärtigt – so wie uns im Abendmahl Christus gegenwärtig ist.

Der Blick wandert nach oben zum Kreuz. In der Mitte trägt es das Christusmonogramm: Die beiden griechischen Buchstaben Chi und Rho, die aussehen wie lateinisch X und P, stehen für den Namen „Ch-r-istós“. Man mag sich erinnern an den römischen Hauptmann aus dem Markusevangelium, der das Sterben Jesu miterlebt und dem förmlich ein Licht aufgeht: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“

Das Kreuz wird zum Zeichen der Hoffnung, des Sieges, des Osterglaubens, gerade auch in dunklen Zeiten. Deshalb leuchtet es in Gold und ist geschmückt mit Lorbeerzweigen, und deshalb trägt es den Namen des Herrn statt eines leblosen Körpers.

Hinter dem Kreuz leuchtet, besonders zur Gottesdienstzeit am Vormittag, das Buntglasfenster mit dem Auferstehungsmotiv: Das Kreuz ist der Weg ins Leben.

Wenn wir uns nun nach Westen zurückwenden, sehen wir den großen Radleuchter, der an das himmlische Jerusalem erinnert. Diese heilige Stadt mit ihren zwölf Toren steht in der Offenbarung des Johannes für die Ewigkeit, in der es keine Tränen, kein Leid, keinen Tod mehr gibt, weil Gott mit den Menschen vereint ist.

Auch dies gehört zum Advent: Das Warten auf den Tag, an dem Jesus Christus endgültig seinen Frieden in der Welt aufrichten wird.

Kunstwerke als Glaubensbekenntnis

Die evangelische Kirche lebt vom gesprochenen (und gesungenen) Wort. An der Kanzel lesen wir „Das Wort sie sollen lassen stahn“, einen Vers aus dem Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“, das Martin Luther 1529 gedichtet hat.
„Sie“ – das sind die Feinde Gottes, die das Wort (der Bibel) verdrehen. Der Kampfgeist solcher Lieder mag uns heute fremd vorkommen, aber die Kirche hat nach wie vor den Auftrag, das Wort Gottes unter die Menschen zu bringen – mit aller Unvollkommenheit unseres menschlichen Denkens und Redens.

Altarbild - Das Abendmahl ... Links und Rechts daneben befinden sich die unten beschriebenen Figuren


Die Altarfiguren
finden sich in ähnlicher Anordnung in vielen Kirchen; sie stehen im Zusammenhang mit Opfer und Abendmahl:

Abel ist der Prototyp des unschuldig Getöteten: Sein Bruder Kain ermordet ihn aus Eifersucht, denn Gott nimmt Abels Opfergabe an, seine aber nicht.

Melchisedech ist ein „heidnischer“ König, der Abraham entgegen geht, ihn mit Brot und Wein bewirtet und ihn segnet, denn er spürt: Der größte aller Götter ist mit Abraham.

Isaak trägt eigenhändig das Holz, auf dem sein Vater Abraham ihn als Opfergabe verbrennen soll – eine Geschichte aus einer Zeit, in der Menschenopfer gang und gäbe waren. Gott selber öffnet allerdings im letzten Moment Abraham die Augen und befiehlt ihm, ein Tier statt seines Sohnes zu opfern.

Aaron schließlich ist der Bruder des Mose und nicht nur dessen Helfer und Sprachrohr während der Wanderung der Israeliten durch die Wüste, sondern auch der oberste Priester. Mit dem Weihrauch aus seinem Gefäß sendet er das Gebet der Gemeinde zu Gott. Als einzige der vier Figuren schaut er in Richtung Sakristei – ob er wohl eher dem Liturgen als der Gemeinde etwas zu sagen hat?

Die „Opfertheologie“ ist sicher eines der schwierigsten und am meisten missbrauchten Gebiete der Theologie, und wir wissen nicht, welche der vielen möglichen Interpretationen dem Architekten Wendebourg vor Augen stand. Vielleicht hatte er im Sinn, was Jesus Christus uns im Johannesevangelium zusagt:

Ich lebe, und ihr sollt auch leben!

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Herausgeber: Der Kirchenvorstand der Lutherkirchengemeinde
Vorsitzender: Pastor Carsten Gerdes, Habichtsweg 3, Tel. 4967
Text: Gisela Steudter
Stand: März 2009

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